Projekt

Leitfaden: greening UP!

Das Projekt „greening UP!“ hat innovative und passgenaue Empfehlungen für mehr Grün im urbanen Raum entwickelt und diese in einem Bericht veröffentlicht.

Kurzfassung

Motivation und Forschungsfrage

Vertikalbegrünungen sind neuartige, komplexe Bauwerke, die von Beginn an mitgeplant und funktional auf den Baukörper abgestimmt werden müssen. Vertikalbegrünungen berühren mehrere Fachdisziplinen, welche in Planungs- und Bauprozessen zumeist noch nicht verknüpft werden. Bauseitig sind Fragen der Bauphysik, der Statik, der Haltbarkeit von Fassadenelementen und weitere technische Fragen zu bedenken. Oftmals außer Acht gelassen wird aber die Tatsache, dass Vertikalbegrünungen, insbesondere wandgebundene Begrünungen, aus landschaftsgärtnerischer Sicht für Pflanzen Extremstandorte sind, die besonders sensibel auf technische Defekte reagieren. Kurzfristig zu geringe oder gar keine Wasserzufuhr, fehlende Belichtung oder das Ausbleiben von fachkundigen Pflegemaßnahmen, wie Pflanzenschutz und Düngung, können immense Schäden verursachen. Das Konsortium hat die Erfahrung gemacht, dass Begrünungen nach der Fertigstellung den Besitzerinnen und Besitzern „überlassen werden“, ohne dass man ihnen Hinweise über konkrete Grünpflege und Wartung gegeben hat. Die technische Wartung und Pflege von Vertikalbegrünungen wird im Innen- und Außenraum in vielen Fällen vernachlässigt. Innovative wand- oder troggebundene Vertikalbegrünungen werden oft ausschließlich als „technologisches Produkt“ gesehen. Diese hochpreisigen Produkte werden zumeist ohne „Gebrauchsanweisung“, ohne passgenaue Anleitungen zur Grünpflege und technischen Wartung verkauft. Fundierte Konzepte für eine langfristige Grünpflege und Wartung für die jeweilige Vertikalbegrünung, die mit dem „lebendigen Baustoff Pflanze“ arbeitet, werden außen vor gelassen.

Ausgangssituation/Status quo

Angesichts des stetigen Verlusts innerstädtischer Grünflächen bei gleichzeitig zunehmender globaler Klimaveränderung, welcher besonders in Städten zu urbanen Hitzeinseln führt, werden Bauwerksbegrünungen immer wichtiger. Vertikalbegrünungen, wie komplexe wandgebundene Begrünungen oder bodengebundene Begrünungen in Außenräumen, sind wirkungsvolle Gegenmaßnahmen. Weil Vertikalbegrünungen kaum zusätzliche Flächen benötigen, bieten sie gerade vor dem Hintergrund der Nachverdichtungen in Städten ein umfangreiches Anwendungspotenzial. Neben günstigen Auswirkungen auf das Stadtklima erhöhen Vertikalbegrünungen im Innen- und Außenbereich von Gebäuden das Wohlbefinden der Menschen. Sie steigern die Lebens- und Wohnqualität der urbanen Bevölkerung in ihrem direkten Wohn- und Arbeitsumfeld. Vertikalbegrünungen verbinden also eine positive Wirkung auf Umwelt und Mikroklima mit der Verbesserung der Lebensqualität im städtischen Raum.

Projekt-Inhalte und Zielsetzungen

Übergeordnetes Ziel des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „greening UP!“ war es, passgenaue, innovative und zielgruppengerechte Unterstützung und Konzepte für die Wartung, die Instandhaltung und die Pflege sowie für die Steuerung und die Regelung von Vertikalbegrünungen nach der Fertigstellung unter Berücksichtigung rechtlicher Rahmenbedingungen zu erarbeiten. Die Ergebnisse sind im vorliegenden Bericht dokumentiert.

Methodische Vorgehensweise

Im Projekt „greening UP!“ wurden in einem ersten Schritt zehn ausgewählte vertikale Fassadenbegrünungen im Außenraum (boden-, trog- und wandgebundene Vertikalbegrünungen) sowie fünf vertikale Innenraumbegrünungen – unter Einbezug der unterschiedlichen Nutzungsgruppen und Stakeholder – umfassend untersucht. Dabei wurde der Fokus auf den Pflege- und Erhaltungszustand, die Zugänglichkeit, auf vegetations- und bautechnische Aspekte sowie auf organisationale und rechtliche Rahmenbedingungen gelegt. Die Analyseergebnisse beinhalten Informationen zur Grünpflege (Zuständigkeiten, Wünsche, Bedürfnisse) und eine Qualitätserhebung (Status quo) der Vertikalbegrünungen aus den verschiedenen Perspektiven (Vegetationstechnik, Landschaftsplanung, Regenwassermanagement, Bautechnik, Bauphysik, Konstruktion, Zugänglichkeit, Klettertauglichkeit, soziale Aspekte bei Nutzung und Pflege sowie rechtliche Aspekte).

Aufbauend auf die umfassenden Erhebungen und Analysen wurden zielgruppengerechte Empfehlungen, Konzepte und Hilfestellungen zur nachhaltigen, ökologischen Grünpflege, technischen Wartung, Instandhaltung von Vertikalbegrünungen und Bauwerksbegrünungen sowie zur Steuerung und Regelung von Bewässerungssystemen unter Berücksichtigung von (bau)rechtlichen Aspekten und sozialen sowie organisationalen Rahmenbedingungen erarbeitet.

Ergebnisse und Schlussfolgerungen

Die Projektergebnisse zeigen, dass es oft Planungs- und Ausführungsfehler sind, die sich negativ auf die spätere Grünpflege, technische Wartung und Instandhaltung auswirken. Defizite in der Dimensionierung und Auslegung der Bewässerungstechnik oder auch unzureichende wartungstechnische Erreichbarkeiten wichtiger Komponenten, wie der Steuerungs- und Regelungstechnik, führen sehr oft zu Problemen im laufenden Betrieb und lassen sich im Nachhinein, wenn überhaupt, nur mit sehr hohem Aufwand korrigieren. Darüber hinaus verfügen Vertikalbegrünungen oftmals über unzureichende Zugänglichkeiten für die eigentlichen Grünpflegemaßnahmen. Möglichkeiten der Anleiterung oder zusätzliche Ankerpunkte für zum Beispiel Industriekletter-Personen zur schnellen, spontanen Erreichbarkeit der Vertikalbegrünung werden kaum mitgeplant und dann auch nicht ausgeführt. Weiters spielt die Kontinuität in den Zuständigkeiten und in den Verantwortlichkeiten eine wesentliche Rolle. Gerade bei der Übergabe von Verantwortlichkeiten, beispielsweise mit der Fertigstellung der Begrünung und der Überführung in den laufenden Betrieb, sind klare Zuständigkeiten ein wesentlicher Garant für ein erfolgreiches Begrünungsprojekt. Auch rechtliche Vereinbarungen und die Berücksichtigung juristischer Aspekte können hier wesentlich unterstützen.

Ausblick

Vertikalbegrünungen als technische, jedoch lebende Systeme müssen deutlicher als Teil des Planungsprozesses hervorgehoben werden und in allen Planungsschritten miteinbezogen und dokumentiert werden. Die ÖNORM L 1136 „Vertikalbegrünung im Außenbereich“ unterstützt diesen Prozess. Dies gilt nicht nur für den landschaftsarchitektonischen Entwurf und die Fassadengestaltung, sondern bezieht sich auch auf technische Details zum Beispiel betreffend Haustechnik, Wasseranschlüsse, statische Voraussetzungen und Reserven, Bauphysik, Brandschutz, Erreichbarkeit etc. Zukünftige Vertikalbegrünungen sollten schon mit den ersten Ideen und Planungsschritten von Bauvorhaben mitentwickelt werden. Dies erfordert in der Zukunft ein verstärktes interdisziplinäres Zusammenwirken unterschiedlichster Fachdisziplinen, wie Landschaftsplanung, Landschaftsarchitektur, Vegetationstechnik, Landschaftsbau und auch Architektur, Haustechnik, Bauphysik und Statik. Auch das Hinzuziehen ausführender Fachfirmen in der Planungsphase ist zu begrüßen. Vertikalbegrünungen sind immer lebende Systeme! Daher ist die Schnittstelle Mensch – Technik – Natur enorm wichtig. Die planungs- und bautechnische Dokumentation von Beginn an und eine umfassende Dokumentation der Grünpflege und Wartung im laufenden Betrieb nach der Fertigstellung sind hier von großer Bedeutung.